
Das Wetter zeigte sich nicht gerade von seiner besten Seite. Schnee, Regen und dichte Nebelschwaden umhüllen die sonst so sonnenverwöhnten Berge am Lago Maggiore. Von der enttäuschenden Wetterlage ist den Frauen und Männern mit ihren Rettungshunden nichts anzumerken. Zu groß ist die erwartungsvolle Spannung auf das viertägige Arbeiten beim internationalen Rettungshunde-Workshop auf der Alpe di Neggia, an der schweizerischitalienischen Grenze im Tessin. Ein abgelegenes Fleckchen Erde, wie geschaffen für ein Training in realistischer Umgebung. Das Programm ist so gestaltet, das es kaum vielfältiger sein kann.
24 Teilnehmer mit 14Hunden sind angereist, um der Frau des schweizerischen Rettungshundewesens Gabriella Trautmann beim Arbeiten mit Hunden über die Schulter schauen zu können. Sie gehört wohl zu den bekanntesten und erfolgreichsten Mantrailern Europas und hat in Fachkreisen einen außerordentlichen Ruf.
Schon am ersten Tag wird das Können aller Teams auf die Probe gestellt. Die Location ist ein "Trümmerdorf" auf dem Gelände des schweizerischen Zivilschutzes. Wind, Dauerregen, -Hundewetter. Tief unter zerborstenen Betonplatten oder in den Stockwerken abgebrannter und verkohlt riechender Häuser sind die "vermissten Personen" versteckt. Alle werden in respektablen Zeiten gefunden und von den vierpfotigen Teamkollegen freudig begrüßt.
Tag Zwei beginnt mit einer Lagebesprechung. Fakt: Zwei Pilzsucher, Vater und Sohn werden seit Stunden in den Bergen vermisst. Eine Einsatzübung unter realen Bedingungen. Ein Rettungstrupp der schweizerischen Bergwacht ist bereits mit Rettungsgerät zu Stelle. Vier Mantrailer- Teams werden nacheinander angesetzt, damit deren speziell ausgebildete Rettungshunde den individuellen Geruch der vermissten Personen in Form eines Induments, ein persönlicher Gegenstand, wie z.B. Kleidungsstück des Vermissten, aufnehmen kann. Ausschließlich diesem individuellen Geruch folgt der Hund über die gesamte vom Vermissten zurückgelegte Strecke (Piste). In größerem Abstand folgen die Flächenhunde. Sie sollen im Zielgebiet die gesuchten Personen lokalisieren. Die Bergwacht erhält über Funk den jeweiligen Standort mitgeteilt.
Bereits nach einer knappen Stunde werden die "Opfer? an einer steil abfallenden Felswand entdeckt. Beide sind unverletzt. Sie können mit Rettungsgerät von der Bergwacht geborgen werden. Die anschließende Abschlussbesprechung gestaltet sich lebhaft und lässt die Einsatzfreude und den Enthusiasmus der Rettungshundler erahnen.
Am nächsten Tag geht es mit den Fahrzeugen die unendlichen Serpentinen der kleinen Passtrasse zwischen dem tief in den Bergregion schlummernden Indemini und dem direkt am Lago Maggiore liegenden Fosano hinunter. Auf der Nordostseite des Sees im touristischen Locarno findet heute das Stadttraining der Mantrailer statt. Hier zeigt sich wer der wahre Meister unter den Trailern ist. Zwischen tausenden und abertausenden überlagerten Gerüchen folgt der Hund konsequent dem Individualgeruch der vermissten Person, auch heute.
Vom wenig geübten Anfänger, bis zum traumwandlerisch sicheren Profi, jeder lernt vom Miteinander. Eine immer wieder wohltuende Erfahrung unter Rettungshundlern, Müde von der Anstrengung des Tages, laben sich alle dankbar an den Köstlichkeiten der italienischen Kochkunst des Hüttenwirtes. Bei geschmortem Kaninchen und einem gutem Tropfen genießt man selbstzufrieden den Abend. Plötzlich stürmt eine aufgeregte Gabriella mit der Meldung von drei vermissten Personen in die ,,Dolce- Vita-Stimmung?. Es ist bereits Nacht. Draußen ist es stockdunkel und kalt. Schnell kursiert unter den Trailern die Botschaft, daß das nur etwas für die ?Flächler? sei. 10 Minuten später bilden die rot bIinkenden Geschirrleuchten der Hunde und die Lampen und Stirnleuchten ihrer zweibeinigen Kameraden ein gespenstisches Szenario auf den umliegenden Almwiesen. Eine Lichterkette formiert sich und bewegt sich quer zum Berg. Die erste und die zweite vermisste Person sind schnell gefunden. Die Dritte wurde jedoch auf spontan italienische Art von der Übungsleitung in das bereits abgesuchte Gebiet umverlegt. Dieter, Chef der Flächenleute ist ein alter Hase und riecht den Braten förmlich. Es folgt ein instinktives Nachsuchen. Nach 8 Minuten zeigt der erste Hund an. Voller Erfolg!
Der nächste Tag beginnt mit heißem Kaffee und dem Hüttenfrühstück. Die kurze Nacht blickt vielen aus den verschlafenen Augen. Es wird wenig gesprochen. Draußen dämmert der graue Morgen.- Abreisetag. Aber vorher will man noch einmal viel arbeiten. Lothar, einer der erfahrensten Männer in der Rettungshundestaffel Mittlerer Neckar des BRH ist seit Jahren erfolgreicher Ausbilder für Mantrailer. Kugelrund gewachsen mit Vollbart und listigen Augen ist der gebürtige Westerwälder auch hier wieder die Seele der Mannschaft. Schon gestern hat er am Morgen einen Trail über die Fahrstraße und die angrenzende Alm gelegt. Eine Aufgabe für seine Besten, sagt er. Mit im Team der Trailer ist auch Manfted, von Beruf Polizist, aber im wahren Leben mit Baalbaas, seinem Hovawart-Rüden, ein begeisterter Mantrailer. Seit seinem vierten Lebensmonat ist Baalbaas bereits im Rettungshunde- Training tätig und nunmehr seit einem Jahr Mitglied in der Schlierbacher·StaffeI. Baalbaas kann sich vor Tatendrang kaum halten. Geschirr und die Kenndecke anlegen, die den Hund nach außen als im Einsatz arbeitenden Hund kennzeichnet, sind in geübten Handgriffen erledigt. Dann stöbert die aufgeregte Hundenase in der vorgehaltenen Plastiktüte mit dem Indument.
Was wie ein Btitzstart aussieht, ist hochkonzentrierte Präzisionsarbeit von Hund und Hundeführer. In ausgeglichenem Tempo arbeitet sich das Team voran. "Ich lass den Hund schaffe, der weisch am beschte wies geht ! sagt Manfred mit schwäbischer Gelassenheit. während er kunstvoll und umsichtig die lange Leine auf gleichmäßiger Spannung hält. Hier und da schert Baalbaas aus der Richtung um links und rechts verharrend seine Geruchssinne arbeiten zu lassen, folgt aber Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen konsequent den Geruchspartikeln seines Opfers. Nach rund einem Kilometer wird das Team schneller und Baalbaas bekommt mehr Leine, bis sich dann seine absolute Anspannung in freudiges Bellen auflöst. Zielperson gefunden. Tolle Leistung! .? Freudiges Schulterklopfen zwischen Manfred und Lothar.
Mittags sind dann wieder alle zusammen~ Flächenhundler, Mantrailer und Helfer.
Vier Tage harte Arbeit und ein Berg an neuen Erfahrungen machen den Erfolg des Workshops aus. Beim nächsten Mal sind wieder alle dabei. In dem sonst angestrengt beobachtenden Blick von Gabriella liegt heute ein zufriedenes Lächeln. Umarmung, Danke!
Es hat schon lange aufgehört zu regnen und so etwas wie warme Sonnenstrahlen gleiten über die Berge des Tessin.
14.10.2007 Lothar Köhn









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